14. Juli 2020

Schwere Zeiten für Hörbehinderte


Gehörlosenseelsorge: Für gehörlose und hörbehinderte Menschen stellen die Kontaktbeschränkungen und vor allem die Maskenpflicht in Corona-Zeiten eine besondere Herausforderung dar. Auch das seelsorgliche Angebot der Evangelischen Kirche wird durch die Hygiene-Auflagen empfindlich beschnitten.

Im Saarland leben etwa 600 gehörlose Menschen und rund 4500 anerkannt schwerbehinderte hörgeschädigte Menschen. Ein Teil von ihnen ist in den örtlichen Vereinen für Gehörlose oder Schwerhörige organisiert. Zum Landesverband der Gehörlosen Saarland e.V. gehören die drei Vereine in Saarbrücken, Neunkirchen und St. Wendel, die zusammen um die 200 Mitglieder zählen. Außerdem gibt es den Katholischen Gehörlosenverein in Saarbrücken. Der größte Ortsverein unter dem Dach des Deutschen Schwerhörigenbundes (DSB) Landesverband Saarland ist Neunkirchen mit seinen rund 100 Mitgliedern.

 

In normalen, will heißen in Nicht-Corona-Zeiten, bieten diese Vereinigungen ihren Mitgliedern die Möglichkeit zum persönlichen Austausch in regelmäßigen Treffs und halten vielfältige Angebote zur Information und Beratung sowie zur Freizeit- und Urlaubsgestaltung bereit. Für viele sind sie ein fester Bestandteil des Lebens.  Auch ein seelsorgliches Angebot der Evangelischen Kirche wendet sich speziell an gehörlose und hörbehinderte Menschen. Seit 26 Jahren arbeitet Pfarrer Ralf Maier in der Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge der Evangelischen Kirche an der Saar.  Als Pfarrer der pfälzischen Landeskirche ist er im Rahmen einer Kooperation mit der Evangelischen Kirche im Rheinland Synodalbeauftragter der beiden Kirchenkreise Saar-Ost und Saar-West und somit zuständig für das ganze Saarland. Selbst an Taubheit grenzend schwerhörig, kennt Maier die Alltagsprobleme hörbehinderter Menschen aus eigener Erfahrung. In allen drei saarländischen Gehörlosen-Vereinen gehört er dem Vorstand an und ist darüber hinaus auch Schriftführer des saarländischen Landesverbandes der Gehörlosen. „Meine Arbeit ist Verkündigung und Diakonie“, sagt er. „Über die Vereinsarbeit kann ich die Menschen erreichen und Gottes Wort verkünden“.

 

So feiert er bei jedem der monatlich sowohl in Saarbrücken als auch in Neunkirchen stattfindenden Vereinstreffs einen Gottesdienst und ist darüber hinaus selbstverständlich Ansprechpartner für jeden gehörlosen oder hörgeschädigten Menschen, der seelische Unterstützung braucht. Zusammen mit seinem katholischen Kollegen Pfarrer Michael Wilhelm gestaltet er jedes Jahr in der Neunkircher Marienkirche zur Weihnachtsfeier des Neunkircher Ortsvereins des DSB einen ökumenischen Gottesdienst. Gebete und Predigt werden von einer Schriftdolmetscherin mitgeschrieben und über einen Beamer an die Wand projiziert. Und ja, auch Musik ist in einem solchen Gottesdienst durchaus präsent und Teil des Gotteslobes: Die Orgel wird von einem selbst hörbehinderten Organisten gespielt, der sich das Orgelspiel trotz seiner Behinderung mit bemerkenswertem Talent, Geduld und Durchhaltevermögen angeeignet hat. Die Gottesdienstbesucher, die noch einen Rest Hörvermögen haben und die Musik hören können, singen die Lieder mit. Manchmal gibt es in Gottesdiensten für Gehörlose auch einen sogenannten Gebärdenchor – so zum Beispiel im Saarbrücker Katholischen Verein. Gemeinsame synchrone Bewegungen machen hier Musik auf einer anderen Ebene erlebbar.

 

Eine feste und weit über die saarländischen Landesgrenzen bekannte Institution sind die „Alternativen Gottesdienste“, zu der seit zwei Jahrzehnten die evangelische Kirchengemeinde Gersweiler-Klarenthal behinderte und nicht behinderte Menschen einmal im Monat (außer im Juli, August und Dezember) einlädt. Immer steht der Gottesdienst unter einem bestimmten Thema, der gesamte Gottesdienst einschließlich der gesungenen Lieder wird simultan in Gebärdensprache übersetzt und zwei Schriftdolmetscherinnen sorgen auch hier dafür, dass niemandem ein Wort entgeht. Während des Gottesdienstes gibt es eine kreative Kinderbetreuung und im Anschluss noch ein Beisammensein bei einem Imbiss. „Es kommen immer zwischen 150 und 200 Personen, alte und junge sowie Familien mit Kindern. Die Menschen kommen nicht nur aus dem Saarland, sondern zum Teil von weiter her, aus Trier oder aus der Pfalz“, freut sich der Klarenthaler Pfarrer Uwe Lorenzen, der mit einem festen Vorbereitungsteam von zwölf Personen sowie etwa 50 ehrenamtlichen Helfern neunmal im Jahr diesen besonderen Gottesdienst organisiert. „Dieses Jahr können wir sogar 20-jähriges Jubiläum feiern“, sagt er. „Aber wie wir das unter den derzeit geltenden Hygienevorschriften machen sollen, ist die große Frage. Im Moment wird jedenfalls ausgesetzt, der Wiedereinstieg wird vorerst mal für September angepeilt“.

 

Auch Pfarrer Maier fragt sich gemeinsam mit den Verantwortlichen der eingangs erwähnten Vereine, wie unter den derzeitigen Hygiene-Auflagen Zusammenkünfte und Gottesdienste möglich sein könnten. „Zur Zeit sind wir auf der Suche nach einem Raum oder Ort, wo wir den erforderlichen Abstand einhalten können“, erzählt Maier. „In Saarbrücken-Jägersfreude gehört zum Vereinsheim ein großer Garten. Aktuell überlegen wir, ob wir uns eventuell dort im Freien treffen und Gottesdienst feiern könnten.“  Die Neunkircher Schwerhörigen-Gruppe führt gerade Gespräche mit der Stadt Neunkirchen, ob und wie eine Zusammenkunft im „KOMM“, einem städtischen Begegnungszentrum, corona-sicher ablaufen könnte.

 

Besonders für die älteren hörbehinderten Menschen könnten die derzeit fehlenden Möglichkeiten zum sozialen Austausch auf Dauer belastend werden, befürchten nicht nur Ralf Maier, sondern auch Birgit Seidler-Fallböhmer vom DSB Saar und Petra Krämer vom Landesverband der Gehörlosen Saarland. Beide sehen im Tragen des Mund-Nasen-Schutzes ein großes Problem in der Kommunikation, da Gehörlose und Hörbehinderte auf das Mundbild und auf die Gesichtsmimik des Gesprächspartners angewiesen sind, um ihn verstehen zu können. „Einige weichen daher auf die transparenten Visiere aus, die ebenfalls Spuckschutz bieten, aber dabei eben das Mundbild erkennen lassen“, berichtet Seidler-Fallböhmer. „Viele bleiben aber auch einfach zu Hause oder kaufen zum Beispiel nur im Discounter, wo man sich selbst bedienen kann und mit niemandem kommunizieren muss“, hat Petra Krämer in ihrem eigenen familiären Umfeld festgestellt.

 

Die Sorge um Vereinsamung in der Zeit der Kontaktbeschränkungen gilt dabei besonders den älteren Hörbehinderten, wobei konkrete Rückmeldungen hierzu bisher weder bei Pfarrer Maier noch bei Krämer und Seidler-Fallböhmer eingegangen sind. „Wir kommen zurecht. Es ist nun mal im Moment so, da kann man nichts ändern“, ist die Antwort, die Ralf Maier auf konkrete Nachfragen nach dem Befinden durchweg erhält. Die jüngere Generation, sowieso eher weniger in den Vereinen vertreten, sei ja ganz gut aufgestellt mit den Möglichkeiten der Kommunikation in den sozialen Medien und dem technischen Equipment, um Kontakte per Skype, WhatsApp, Facetime, Facebook, Zoom und so weiter zu halten. Und die Älteren, die nicht über diese Möglichkeiten verfügten, müsse man eben weiterhin im fürsorglichen Blick behalten und sich immer wieder als Ansprechpartner in Erinnerung bringen, findet Pfarrer Ralf Maier.

                                                                                                  Andrea Reinmann


Evangelische KG Gersweiler-Klarenthal
Pfarrbezirk 2
Pfarrer Uwe Lorenzen

Pfarrer des Bezirks 2 - Klarenthal


Hauptstr. 67
66127 Klarenthal
Telefon: 06898 / 37 02 54




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