01. Oktober 2020

Wider das Vergessen


Christlich-Jüdischer Dialog. Seit mehr als sechs Jahrzehnten setzt sich die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft des Saarlands (CJAS) für die Versöhnung von Christen und Juden ein.

Gerade in der heutigen Zeit eines wieder erstarkenden Antisemitismus in Deutschland eine Aufgabe von höchster Dringlichkeit.

 

Etwa 80 lokale und regionale Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gibt es heute in der Bundesrepublik Deutschland, zusammengefasst im Deutschen Koordinierungsrat, der sie auf nationaler und internationaler Ebene vertritt. Die ersten Gründungen gehen auf das Jahr 1946 zurück, gefördert und initiiert damals von der amerikanischen Besatzungsmacht im Rahmen ihrer Maßnahmen zur Demokratisierung des deutschen Volkes. Erste Mitglieder waren Christen und Juden, die die entsetzliche Erfahrung einer KZ-Haft miteinander teilten. Ihre Zielsetzung war damals (und ist es bis heute geblieben) eine doppelte: Der Blick zurück möge dafür sorgen, das unfassbar Schreckliche, das während der Nazi-Diktatur geschehen ist, niemals in Vergessenheit geraten zu lassen.  Denn was einmal aus dem kollektiven Gedächtnis eines Volkes verschwunden ist, läuft Gefahr, sich zu wiederholen. Der Blick nach vorne sieht hingegen eine positive Zukunft, sieht als Ideal ein ausgesöhntes, verantwortungsvolles und friedliches Miteinander von Juden und Christen.  Doch davon ist Deutschland leider auch heute noch weit entfernt.

 

Alle Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit haben einen ev., einen kath. und einen jüdischen Vorstand. Die Geschicke der saarländischen CJAS leitet seit vielen Jahren der kath. Vorsitzende Herbert Jochum geschäftsführend. Der Professor für Katholische Theologie und Judaistik, der erst vor drei Jahren mit bereits 80 Jahren seine Lehrtätigkeit an der Universität des Saarlandes beendet hat, kennt sowohl die jüdische Religion und Kultur wie auch den heutigen modernen israelischen Staat wie seine Westentasche.    „Der Antisemitismus war in Deutschland immer latent vorhanden“, sagt er, „seit den 50er Jahren wird in Deutschland z.B. jede Woche ein jüdischer Friedhof geschändet. Der Anteil von Menschen mit einem Manifest rechtsextremen Weltbild liegt seit Jahrzehnten bei etwa 25 %“.  Neu ist aber, wie im wahren Wortsinn unverschämt, wie offen, gewalttätig und brutal die lange nur unterschwellig existente Judenfeindlichkeit heute erneut zu Tage trete. Dies vor allem im Rechtsextremismus, aber auch in Teilen der linksextremen Szene und zunehmend auch in der gesellschaftlichen Mitte.  Sehr bedrohlich zeigt sich auch der unverhohlen geäußerte Judenhass auch in Deutschland agierender Salafisten. Eine unter anderem h durch die neuen Medien begünstigte allgemein zu beobachtende Verrohung und Verwahrlosung in Sprache, Sitten und Verhalten setzt nicht mehr auf rationalen gesellschaftlichen Diskurs. In Krisenzeiten zeigt sich immer wieder ein Hang zu Verschwörungsmythen, die mit antisemitischen Ressentiments fast immer verbunden sind.

 

Die Schlussstrich-Mentalität hält Jochum für besonders verhängnisvoll, denn „Schluss kann man nicht ohne die Juden machen, und auch nicht gegen die Juden, sondern nur mit Ihnen“.  Erklären lässt sich die anhaltende Judenfeindlichkeit auch in ihren neuen Formen gerade in Deutschland auch psychologisch. Um sich zu „entschulden“, um sich reinzuwaschen von den unsäglichen Gräueln der Vergangenheit, weist man den Juden selbst Schuld zu. Man hält fest am Bild des hässlichen Juden, um das Bild des bösen Deutschen zu verdecken.  Zu dieser Form der Täter-Opfer-Umkehr und des Schuld-Abwehr-Antisemitismus gehört auch die oft reflexhafte und durch keinerlei Fachwissen untermauerte Kritik an der Politik des israelischen Staates. „Wir sind durch unsere unselige Vergangenheit befangen in der Wahrnehmung des Staates Israel. Sie können in einem Vortrag reden, über was Sie wollen, die erste Frage aus dem Auditorium gilt immer dem Nahost-Konflikt“, sagt Jochum. Fast scheint es, als seien die Deutschen glücklich, im hässlichen Israeli heute den bösen Juden von gestern entdecken zu können. So wird der Staat Israel zum Juden unter den Völkern. Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex brachte es einmal so auf den Punkt: „Die Deutschen werden den Juden den Holocaust nie verzeihen.“

 

Unermüdlich kämpft die CJAS gerade angesichts der besorgniserregenden gesellschaftlichen Entwicklung unserer Tage für ihre Ziele der Gründungsjahre, nämlich für – wie es in der Vereinssatzung heißt – „die Verständigung von Juden und Christen, für die Aufarbeitung unterschiedlicher Formen der Judenfeindschaft, für die Bewahrung der noch erhaltenen vielfältigen Zeugnisse jüdischer Geschichte, für eine lebendige Erinnerungskultur der Geschichte von Juden und Christen, für die Entfaltung freien, ungehinderten jüdischen Lebens in Deutschland, für die Solidarität des mit dem Staate Israel als jüdischer Heimstätte  und für die Wahrung der Menschenrechte, mutiges Eintreten gegen Intoleranz, Fanatismus, Fundamentalismus und Diskriminierung aus

religiösen, weltanschaulichen, politischen, sozialen, ethnischen und kulturellen Gründen.“

 

Zur Erreichung dieser Ziele stellt Jochum, teils auch in Kooperation mit der jüdischen Gemeinde und mit anderen saarländischen Organisationen und Bildungsträgern, jedes Jahr aufs Neue ein beeindruckend breit gefächertes Programm zusammen. Mit Vorträgen, Seminaren, Führungen und Studienfahrten, Seminaren, Lesungen und Konzertveranstaltungen lädt die CJAS dazu ein, sich mit der jüdischen Kultur und Religion zu befassen und Vorbehalte abzubauen.  Für das erste Halbjahr 2020 hatte die CJAS knapp 20 Veranstaltungen geplant, die jedoch alle wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden mussten. Auch an bundesweiten Veranstaltungen beteiligt sich der CJAS, etwa an der „Woche der Brüderlichkeit“, die jedes Jahr Anfang März gefeiert wird, und deren Höhepunkt die Verleihung der „Buber-Rosenzweig-Medaille“ darstellt. Mit der Friedrich-Schlomo-Rülf-Medaille – benannt nach einem Saarbrücker Rabbiner der frühen 30er Jahre – vergibt die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft des Saarlandes im Turnus von zwei Jahren sogar eine eigene Auszeichnung an Personen, Institutionen oder Initiativen, die sich im Sinne der Ziele der Gesellschaft verdient gemacht haben. Ein bis heute laufendes Großprojekt hat die CJAS mit dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut an der Uni Duisburg-Essen bereits 1987 ins Leben gerufen: die systematische Archivierung der 16 jüdischen Friedhöfe im Saarland.

 

Ein Ereignis besonderer Art stellt eine zentrale Veranstaltung dar, zu der die CJAS jedes Jahr am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz als dem „Nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“ in die Saarbrücker evangelische Johanneskirche einlädt.  Seit 1996 erinnert die CJAS in einer 24-stündigen „Klangstele – Gesang vom Zyklon B“ an das größte Menschheitsverbrechen in der Geschichte. Eine Veranstaltung, die an die Ermordung von 6 Millionen unschuldiger Menschen unter der Nazi-Herrschaft erinnern will, so Prof. Jochum, darf nicht eine „schöne“ Veranstaltung werden, sondern sollte die Menschen fordern, durchaus beunruhigend, schmerzlich und auch verstörend sein dürfen. Ohne Unterbrechung werden Namen und Nummern der Häftlinge aus dem „Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau“ wie auch lyrische Texte zum Holocaust gelesen. An der Aktion beteiligen sich immer saarländische Schulen, was Herbert Jochum besonders freut, sei es doch immens wichtig, gerade Kindern und Jugendlichen eine weltoffene und tolerante Weltsicht zu vermitteln. Auch wünscht er sich Nachwuchs für seinen Verein, der wie so viele andere auch an massivem Mitgliederschwund und Überalterung leidet und heute nur noch etwa 100 Mitglieder zählt. „Für ein zeitlich begrenztes Projekt sind die Jugendlichen durchaus zu gewinnen und sie sind dann auch mit Begeisterung dabei, aber ein reguläres und langfristiges Engagement kann sich kaum noch einer vorstellen“, bedauert Jochum.

 

Er selbst hingegen hat noch viel vor und denkt gar nicht ans Aufhören. Im nächsten Jahr steht eine ganze Reihe von Ereignissen an, die gebührend gefeiert werden sollen – so Corona es denn zulässt: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, 700 Jahre jüdisches Leben im Saarland und 75 Jahre Neugründung der Synagogengemeinde Saar. Da gibt es viel zu planen und zu organisieren. Unbeirrt und auch durch Schmähbriefe und sogar schon erhaltene Morddrohungen nicht aufzuhalten, setzt Jochum sich weiterhin ein für sein Lebenswerk, die Versöhnung von Christen und Juden.

                                                                                  Andrea Reinmann

 

Kontakt:

Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft des Saarlandes (CJAS), c/o Johannes-Foyer, Ursulinenstr. 67, 66111 Saarbrücken. - Tel. 0681-9068-141 -  eMail: Herbert.Jochum@gmx.de





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